Mit Code Vein II bringt Bandai Namco den Nachfolger zu seinem gefeierten, aber auch polarisierenden Anime-Souls-Like auf den Markt. Der erste Teil hatte vor einigen Jahren viele Fans gewonnen, gerade weil er trotz seiner Unzulänglichkeiten ein eigenständiges Rollenspiel-Erlebnis bot. Doch im Jahr 2026 tritt dieser zweite Teil in eine andere Liga: Er will nicht mehr nur ein Souls-Like sein, er will ein Elden Ring-ähnliches Action-RPG mit eigener Identität werden.
Neue Welt, alte Probleme
Gleich beim ersten Blick wird klar: Code Vein II setzt auf deutlich größere Maßstäbe als sein Vorgänger. Die Spielwelt ist offen und weitläufig, voller verwinkelter Ruinen, düsterer Städte und geheimnisvoller Orte, die zum Erkunden einladen. Ob versunkene Einkaufszentren, vergessene Bahnhöfe oder bizarre Höhlenlandschaften – die Bandbreite an Umgebungen ist beeindruckend und sorgt immer wieder für Entdeckungsmomente. Dabei fühlt sich die offene Welt tatsächlich sehr nach den modernen Standards des Genres an, ohne jedoch gänzlich die gleiche visuelle Tiefe oder kunstvolle Detailverliebtheit zu erreichen, wie man sie von großen Genre-Vertretern gewohnt ist.
Trotz der ambitionierten Welt fällt auf, dass in manchen Bereichen das Budget oder der Feinschliff fehlt: Charaktermodelle und Texturen wirken nicht selten veraltet oder uninspiriert, und bei Bosskämpfen fehlt es gelegentlich an der Präzision, die andere Genre-Meister auszeichnet. Dennoch schafft es das Spiel immer wieder, mit überraschend starken Momenten und packenden Herausforderungen zu fesseln – vor allem, wenn man sich auf die Kernmechaniken einlässt.
Erzählung und Zeitreisen im Mittelpunkt
In Code Vein II übernehmen die Spieler die Rolle eines sogenannten Revenants, eines untoten Kriegers mit speziellen Kräften, der in einer verwüsteten Welt ums Überleben kämpft. Die Geschichte führt tief in eine narrative Struktur, die auf Zeitreisen basiert: Nur durch das Zurückkehren in die Vergangenheit und das Aufspüren legendärer Helden lässt sich eine herannahende Katastrophe aufhalten. Diese erzählerische Komponente verleiht dem Spiel eine emotionale Tiefe, die über das reine Gameplay hinausgeht und den Fokus auf Beziehungen, Verbündete und dramatische Wendungen legt.
Die Zeitreise-Mechanik selbst wird allerdings nicht voll ausgeschöpft: Zwar ist sie storytelling-technisch gelungen, spielerisch fällt sie aber oftmals repetitiv aus, da sich die Umgebungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart nicht drastisch unterscheiden. Das nimmt dem innovativen Ansatz ein wenig den Glanz, sorgt aber trotzdem für genug Abwechslung, um den Fortschritt motivierend zu gestalten.
Kampfsystem – klassisch mit neuen Akzenten
Was Code Vein II am stärksten auszeichnet, ist das weiterentwickelte Kampfsystem. Es baut auf den Stärken des Vorgängers auf, erweitert sie aber mit neuen Optionen: Ein Mix aus schnellen Angriffen, Blutfähigkeiten und ausgeklügeltem Ausrüstungs- und Build-System sorgt dafür, dass jeder Kampf taktisch durchdacht sein will. Waffen lassen sich vielfältig kombinieren, Spezialfähigkeiten eröffnen neue Spielstile und auch die Gefährten, die euch im Feld begleiten, spielen eine wichtige Rolle in strategischen Entscheidungen.
Dabei ist das Balancing interessant: Zwar orientiert sich der Schwierigkeitsgrad weiterhin am Souls-Like-Standard, doch fällt Code Vein II insgesamt etwas zugänglicher aus. Viele Bosse lassen sich mit gut getimten Ausweichmanövern und klugen Builds besiegen, ohne dass man zwangsläufig unzählige Versuche braucht. Das macht das Spiel für eine breitere Spielerschaft attraktiv, auch für jene, die sich an klassischen Souls-Titeln schwergetan haben.
Technik und Performance – Licht und Schatten
So sehr das Kampfsystem und die Welt selbst überzeugen, so sehr zeigen sich auch technische Schwächen. Besonders auf Konsolen wie der PS5 fallen Performance-Einbrüche auf, etwa Ruckler in weitläufigen Gebieten oder grafische Ungenauigkeiten bei komplexeren Szenen. Diese Unsicherheiten trüben den ansonsten gelungenen Spielablauf und erinnern daran, dass hier mit begrenztem Budget gearbeitet wurde. Trotz allem lassen diese Holprigkeiten das Erlebnis nicht komplett kippen – sie bremsen es allenfalls an einigen Stellen.
Fazit – Kein Meisterwerk, aber ein starkes Abenteuer
Code Vein II ist kein perfektes Spiel und auch kein neuer Meister des Souls-Like-Genres. Es erreicht nicht die makellose Eleganz und meisterhafte Ausführung eines Elden Ring, erscheint aber als eigenständiges Erlebnis, das mit großen Ideen, einer packenden Welt und einem lohnenden Kampfsystem überzeugt. Für Fans des Originals und Freunde anspruchsvoller Action-Rollenspiele ist es eine empfehlenswerte Reise durch eine düstere, detailreiche Welt voller Geheimnisse und Herausforderungen. Wer sich auf die Anime-ästhetik und narrativen Elemente einlässt, wird viel Freude an den 40 – 60 Stunden Spielzeit haben und vielleicht sogar länger dabei bleiben.